Vorhin laß ich beim Teddykrieger ein Review zum Online-Bewertungsportal "DocInsider". Hier kann man, vereinfacht gesprochen (ähnlich wie bei anderen Stellvertretern aus den Bereichen der Gastronomie-, Tourismus- oder Lehrkräfte-Bewertung) als Patient seinem Arzt eine Empfehlung aussprechen, oder eben vor ihm warnen, so man sich denn schlecht aufgehoben fühlte. Klingt gut? Ja, klingt gut – theoretisch…
Als angehender Mediziner hat man natürlich schon ein etwas anderes Gehör für Patientenurteile. Oftmals reimen sich Laien ja auch aus den paar Fetzen, die sie verstanden haben, irgendwas zusammen, anstatt nachzufragen. Ich höre es im Familien- und Bekanntenkreis immer wieder. Und ich will es garnicht verurteilen, neigte ich doch früher auch dazu. Ist schließlich ganz normal. Jedoch entstehen dabei teilweise haarsträubende Missverständnisse, die selbst mir als "Anfänger" auffallen.
An dieser Stelle fällt mir aber auch des öfteren auch auf, wie schwierig es sein kann, teilweise komplizierte und umfassende Sachverhalte ohne den Einsatz von verwirrenden Fachbegriffen verständlich darzustellen. Nein, das ich nicht einfach! Nichtsdestotrotz sollte Verständlichkeit natürlich eines der Ziele der Ärzteschaft sein. Leider kommt das Erlernen dieser Fähigkeit allerdings in der Ausbildung, soweit ich es bislang beurteilen kann, auch mehr als kurz…
Das größte Problem stellt wohl die wachsende Kluft zwischen dem sicherlich in vielen Fällen gerechtfertigten Anspruch auf Umsorgung und Aufmerksamkeit seitens des Patienten und den zunehmend mangelnden Ressourcen des medizinischen Personals im Allgemeinen auf der anderen Seite dar. Das in der Bevölkerung immer noch vorherrschende Bild des "im Geld schwimmenden" Mediziners trifft heutzutage nur noch in Einzelfällen zu. Sicherlich, in der plastischen Chirurgie läßt sich bestimmt noch einiges verdienen, der Hausarzt um die Ecke hingegen bekommt am Ende oftmals nicht vielmehr raus, als die Friseurin um die Ecke. Und dafür gilt es im deutschen Gesundheitssystem hinter den Kullissen Einiges zu tun, wovon der Patient natürlich nicht viel sieht.
Auf den Punkt gebracht, ist es aber oftmals so, daß der Medicus gezwungen ist, ein bestimmtes Kontigent zu erfüllen, um das "Unternehmen Praxis" wirtschaftlich aufrecht zu erhalten. Und in vielen Fällen gilt es dann auch noch, das Verschreiben von Medikamenten vor den Krankenkassen zu rechtfertigen, um nicht selbst dafür zur Kasse gebeten zu werden. Dies erzeugt einen Druck, dem viele schlichtweg nicht standhalten können und in Folge dessen eine Art Fließbandkoller entwickeln. Nicht schön – garnicht schön – aber irgendwie auch menschlich. Wer von uns arbeitet nicht schlechter, wenn er sich gehetzt fühlt?
Vielleicht sollte ich es an dieser Stelle kurz betonen: Ich will hier garnix und niemanden in Schutz nehmen. Das deutsche Gesundheitssystem krankt! Und zwar gewaltig! Und es gibt definitiv auch gute und weniger gute Ärzte. Keine Frage. Es geht mir lediglich um ein beiderseitiges Verständnis. Klar, der Patient findet es nicht gut, stundenlang in Wartezimmern zu hocken, um dann im Eilverfahren abgefertigt zu werden. Und nachdem er seine Praxisgebühr entrichtet hat, darf er in der Apotheke auch noch draufzahlen. Man sollte sich aber auch klar machen, dass Ärzte mit diesen Bedingungen ebenso wenig glücklich sind.
Ich persönlich habe mir angewöhnt, Ärzte als Dienstleister zu betrachten. Natürlich freue ich mich, wenn der Doc mir ein wenig Zeit opfert und mir das Gefühl gibt, sich für mich persönlich zu interessieren. Ich bin mir aber andererseits im Klaren darüber, dass dieses Ideal systembedingt nur noch sporadisch umgesetzt wird. Insofern erwarte ich von meinem Arzt ähnlich wie von meinem Automechaniker verpflichtend nur noch eine adäquate Behandlung und als Kür ein wenig Zwischenmenschliches. Das funktioniert natürlich auch nur für mich, der ich ganz rational an die Sache herangehe und schon jetzt im Kreise meiner Kommillitonen beobachten kann, dass bei Einigen die medizinischen Kenntnisse herausragend sind, ihre soziale Kompetenz hingegen kümmerlich ist.
Muß ein Arzt nett sein, um zu heilen? Prinzipiell nicht, würde man meinen. Aber es hilft! Das Gefühl, sich gut aufgehoben bzw. behandelt zu fühlen hat nämlich erwiesenermaßen einen immensen Einfluß auf die Genesung des Patienten. Ein Patient, der nicht an seine Heilung glaubt, wird auch nicht gesund.
(Eben dies ist auch der Grund für die Effektivität von Placebos: Der Optimismus des Arztes überträgt sich quasi auf den Patienten, dessen Genesung spontan foranschreitet, jedoch ebenso abrupt endet, klärt man ihn über den "Schwindel" auf. Vgl. "Pygmalion-/Rosenthal-Effekt")
Das größte Problem von DocInsider und ähnlichen Services dürfte meiner Meinung nach sein, dass es weit mehr Leute gibt, die (ob zu Recht oder nicht) ihrem Ärger Luft machen, als solche, die ihrer Zufriedenheit Ausdruck verleihen wollen. Da ist die Motivation nämlich erfahrungsgemäß schon weit geringer. Kennt man ja von sich selbst. Und wie oft hört man Sprüche wie: "Das darf man garnicht groß erzählen, sonst isses da nächstes Jahr total voll und man bekommt keinen Platz mehr, oder die erhöhen die Preise!". Clever oder absoluter Blödsinn? Ich zweifle…
Fakt ist, das zumindest die Bewertungsplattformen für Lehrer und Uni-Dozenten oftmals für persönliche Feldzüge genutzt werden. Eine Gefahr, die sicherlich auch DocInsider im Auge behalten und sich über entsprechende Präventionsmaßnahmen Gedanken machen sollte.
Ich bin jedenfalls gespannt, wie sich das entwickelt und werde vielleicht irgendwann zu denen gehören, die sich dererlei Bewertungen stellen müssen – vielleicht aber auch einer von denen, die dererlei Angebote als willkommenes Feedback für mich selbst annehmen werden, so sie dann noch existieren. Ich denke aber, davon darf man ausgehen.
Und hätte ich jetzt nen Tr*gami-Account, hätte ich in der letzten halben Stunde sogar ein bissl Geld verdient. Dummer Hobbit, ich…