Das Netz – Hauptquartier des Bösen?
[Inspirert durch diesen Artikel in der Süddeutschen Zeitung]
Ich kann es echt nicht mehr hören, mit welch populistischer Ignoranz in der Politik mit Medien umgegangen wird.
Dass das deutsche TV-Programm schon seit längerem havariert ist, ist kein Geheimnis – aber man hat sich damit abgefunden. “Unterschichtfernsehen” ist absolut gesellschaftsfähig, da kann sich Reich-Ranicki noch so energisch echauffieren… die Majorität der Bevölkerung leidet da quasi unter einer Art Stockholm-Syndrom.
Wie in Zeiten des Wahlkampfes jedoch nun aber das Internet, ein noch verhältnismäßig junges Medium mit fast unendlichem, positiv nutzbarem Potential, öffentlichkeitswirksam anhand seiner Defizite und der Möglichkeit des Mißbrauchs durch Randgruppen definiert und somit in seiner Entwicklung und gesellschaftlichen Integration nachhaltig behindert bzw. geschädigt wird, kann einem als internetaffinem Menschen schon das Mittagessen retrograd durch Hals treiben.
Die implizite Kernaussage (inklusive Generalverdacht): “Internetnutzer sind realitätsverlustige, pädophile Urheberrechtsverletzer, die dem Steuerzahler aufgrund ihrer mangelhaften Teilnahme am Kollektiv auf der Tasche liegen.”
Sinngemäß propagieren immer mehr Vertreter derjenigen Parteien, die aufgrund ihres radikal-konservativen Starrsinns zunehmend massive Einbußen in ihren Wählerzahlen zu verzeichnen haben, solche Stereotype. Gepaart mit offensichtlich absolut mangelnder Fachkenntnis (so man denn keine böse Absicht unterstellen will) lassen sich solche Behauptungen auch wunderbar wirksam zur Köderung thematisch unbedarfter oder verunsicherter potentieller Wähler mißbrauchen.
Da kümmern auch all die kritischen Stimmen aus den Reihen der Eingeborenen und Einheimischen des World Wide Web wenig…
Bleibt nur zu hoffen, dass die wachsenden Wählergenerationen, die mit dieser Technik aufgewachsen sind und seine Möglichkeiten (im Gegensatz zu manch amtierenden oder designierten Machthabern) erkannt haben, dies auch mittels ihrer Stimme bei den kommenden Wahlen zum Ausdruck bringen und ein Zeichen dafür setzen, dass die Probleme im oder mit dem Netz nicht aus diesem selbst, sondern aus dem verantwortungsvollen Umgang mit diesem und seiner heranwachsenden Nutzerschaft entstehen.
Metalmusik konsumierende Amokläufer, pädophile Triebtäter und Onlinespiel-süchtige Raubkopierer werden nicht als solche geboren. Und sie entstehen auch nicht einfach so durch den bloßen Kontakt mit dem Internet… es sei denn, man lässt sie in Ihrer Entwicklung allein und versäumt es, Ihnen Wertvorstellungen zu vermitteln und ihnen eine Zukunftsperspektive in der realen Welt zu bieten.
Dieses Land hat wirklich andere Probleme… oder?


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Ich glaube auch das wir hier in Deutschland weit schlimmere Probleme haben…. da muss ich dir Recht geben!
ein bisschen lächerlich find ich das ganze, muss ich sagen. meine stimme gewinnen sie so jedenfalls nicht…
Ist es nicht goldig, wie manche (Politiker) das Internet als Entschuldigung für Probleme nutzen, die wir auch schon vor dem WWW hatten…
“Dieses Land hat wirklich andere Probleme… oder?”
JEp … hat es!
Und das Internet – wir sind immer die bösen .. die Jungs im Internet … der Staat macht sich seine Feinde selber… und wenn er keine hat… sucht er sich seine Sündenböcke!
Ein Hauptproblem sehe ich eher in der Wählerschicht. Es ist ja erwiesen, dass ein sehr großer Teil der Wähler alt ist und diese gehen eben anders mit dem Medium Internet um. Sie erschreckt dies schon und diese Schicht glaubt es auch, was die Politik sagt, egal ob 10 Mal das Gegenteil bewiesen ist. Diese Bevölkerungsschicht wird im Netz mit irritierenden Werbebannern belästigt, mit deren Hilfe sie sich Viren einfangen und aus diesem Grunde (und einigen mehr) glauben sie, dass das Internet und deren Akteur böse sind.
ABER: Wenn die Politik uns Internetakteur alle als kriminell einstuft, dann bestehe ich auch auf das Verbot der jetzigen Parteien, welche ebenso kriminell sind durch Korruption, Betrug, Steuerverschwendung, … Das kostet uns Steuerzahler nämlich erheblich mehr als die kriminellen Machenschaften im (“deutschen”) Internet.
Ich kann es aber auch nicht mehr hören, wie unqualifiziert die Politik mit dem Internet umgeht und mit dem Datenschutz. Wer in diesem September wieder die CDU und einige der anderen “großen” Parteien wählt, muss sich nicht mehr wundern und braucht sich auch nicht mehr aufregen.
Ich geb dir völlig recht, Neri.
Den (meiner Meinung nach) wichtigsten Punkt möchte ich nochmal betonen:
GEHT WÄHLEN!
Egal wen. Aber geht hin!
Ein großes Problem ist nämlich, dass gerade unsere Generation (die, die mit neuen Medien umgehen können) inzwischen reichlich politikverdrossen ist und dann lieber daheim bleibt. Und das setzt den Damen und Herren Politikern das genau falsche Signal – die denken nämlich “dem Volk isses wurscht, wir tun was wir wollen”.
Dass einem keine Partei wirklich gut vorkommt, kann ich verstehen – geht mir genauso. Man kann die Frage “Wen wähle ich?” aber auch umdrehen – “Wen kann ich überhaupt nicht wählen?” – und so der Reihe nach die schlechten Optionen aussieben. Und die Partei, die am wenigsten schlecht ist wählt man dann.
Schlimmstenfalls kann man auch den Wahlzettel ungültig machen – das ist dann keine Stimme für eine Partei, wird aber für die Wahlbeteiligung gezählt – oder eine Randpartei wählen, die die 5%-Hürde sowieso nicht nimmt (“die Guten”, “graue Panther”, was auch immer…), die kriegen für jede Stimme ein paar Euro und können die dann wieder für Lobbyarbeit einsetzen.
Ein bisschen Grundinfo zur jeweils anstehenden Wahl gibts im Internet unter WahloMat zu finden, der für die Bundestagswahl ist allerdings noch nicht fertig. Aber zum Spielen und Ausprobieren tut auch der von der Europawahl
(btw: der Wahlaufruf darf gerne weiterverbreitet werden. Je mehr hingehen, desto besser!)
@Benedicta, ich kann es auch nicht oft genug sagen. Es kotzt mich echt an immer wieder zu hören das man eh nichts anrichten kann, und darum erst gar nicht zur Wahl geht. Das ist der völlig falsche Weg. Man kann etwas ändern! Wenn jeder Nichtwähler auch nur einmal zur Wahl geht und eine kleine Splitterpartei wählt (ich halte nicht viel davon den Wahlzettel ungültig zu machen), würde das das Wahlergebnis enorm verschieben… und dann möchte ich mal die Gesichter der Politiker der etablierten großen Parteien sehen. Wenn das dann zwei, drei Wahlen lang so weitergeht, dann wachen sie endlich auf!
Was die Unwissenheit und schlechten Parolen gegen die Generation Web (ich nenne es mal so) angeht, so sterben die alten Leute in der Politikspitze die das alles scheuen ja irgendwann aus, und es rücken jüngere nach. Nur dauert das sehr sehr lange. Aber es wird passieren.
Bleibt so lange zu hoffen das es bis dahin kleine Parteien schaffen mehr Aufmerksamkeit für das Thema zu schaffen, und zu zeigen das eben nicht alles böse ist was mit dem Internet zu tun hat.
Ganz Deiner Meinung. Danke vor allem für diesen Satz: “Metalmusik konsumierende Amokläufer, pädophile Triebtäter und Onlinespiel-süchtige Raubkopierer werden nicht als solche geboren.”
Man möchte ihn um so viele andere Auswüchse und Probleme unserer Gesellschaft erweitern, beispielsweise perspektivlose Schulabbrecher etc. Ganz plakativ ausgedrückt: Wer die Realitäten nicht anerkennt und fleißig die Gesellschaft entsolidarisiert, muss sich nicht über solche Auswüchse in ihr echauffieren.
Übrigens ein weiterer lesenswerter Artikel zum Thema: http://www.freitag.de/positionen/0930-unser-netz-muss-sauber-bleiben