Erdbeer-Daiquiri

Sommer 1998 - mein 18ter Geburtstag, der Führerschein, das erste Auto, Abitur in der Tasche, erste nennenswerte "Beziehung" am Start, Zivildienst…

…und genau damit beginnt diese Geschichte. Die Sklaverei auf Staatsrezept dauerte damals noch exakt 13 Monate. Und so einfach wie heute kam man um den Staatsdienst auch nicht herum. Ich saß meine Zeit in einer Reha-Klinik am Rande der Hauptstadt, ab und – ehrlich gesagt – es war garnicht so schrecklich. Im Gegenteil - im Nachhinein bin ich sehr froh, die damit einhergehenden Erfahrungen gemacht zu haben. Aber das ist eine andere Geschichte…

Nun, wie es das Bundesamt nun einmal will, hat sich jeder staatlich angestellte Urinkellner dienstleistende Wehrverweigerer während seiner Dienstzeit für eine Woche in einer "Zivildienstschule" zur Einführung (nein, nicht so eine Einführung – die Musterung war schon gelaufen *g*) bzgl. seiner Rechte, Pflichten, Geld- und Sachbezüge sowie zum staatsbürgerlichen Unterricht einzufinden.

Mich verschlug es nach Braunschweig. Meine 6 Quadratmeter teilte ich mit einem Typen namens Mark. Eigentlich ein langhaariger Bombenleger und eingebildeter Sprücheklopfer ganz netter Kerl, welchen ich zufällig bereits in Berlin auf dem Bahnsteig kennenlernte, stöberten wir doch beide gerade in unseren Ein Vorladungsunterlagen.

Am Ziel angekommen wollte ich nur eins: Wieder weg! Ohne Ende dämliches, absolut uninteressantes, vormittagsfüllendes Gefasel, schlechtes Essen und nervenzerfetzende Langeweile am Nachmittag trieben meine Handyrechnung in schwindelerregende Höhen. Ich bereute die Entscheidung, die Reise mittels der Bahn und nicht mit dem PKW angetreten zu haben, saß ich doch jetzt am äußersten Stadtrand mit unangenehm komplizierter City-Anbindung fest.

So fristeten ich und meine Leidensgenossen unsere Zeit mit Tischtennis, Billiard und Kicker, bis eines Tages jemand auf die Idee kam, Nord-Deutschlands größte Diskothek, das "Jolly Joker" zu besuchen. Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Mittwoch oder Donnerstag war, den wir für diese legendäre Exkursion auserkoren hatten – aber die Zeit bis dahin zog sich in die Länge wie die Ära Big Brother.

Als es aber endlich soweit war, zogen rund 15 Vergnügte, bereits leicht alkoholisierte Zivis mit Bus und Bahn gen Freiheit. Ja – wir waren jung, sahen verdammt gut aus (dachten wir zumindest) und… ja, einer von uns hatte sogar richtig Schütte! Ich hab bis heute keine Ahnung, wie der Junge hieß, der sich da unsere Sympathie erkaufen wollte, aber er gab sich auf jeden Fall redlich Mühe und versorgte die Service-Kräfte an der Bar kontinuierlich mit Großaufträgen. An dieser Stelle "Dankeschön!", solltest Du mitlesen, armer Kerl.

Rund 5 halbe Liter Weizen später hatte sich jegliche Anspannung verflüchtigt. Wir waren eine große Familie, lagen uns in den Armen, lachten, sangen gröhlten und tanzten taumelten. Alles war gut! Bis… ja, bis plötzlich einer aus unseren Reihen eine Entdeckung machte. "Ööööii! Da hinten gibs Erdbeer-Daiquiri!"

Das war kein einfacher Hinweis! Es war ein suggestiver Befehl für unser auf ein höheres niederes Niveau versetztes kollektives Bewußtsein. Ein Marschbefehl für die Promillisierten!
Unser Financier, welcher diese Nacht vermutlich mit einem Strafverfahren wegen Zechprellerei bezahlt hat, kam jetzt natürlich aus der Sache nicht mehr raus. "Das geht auf ihn!", hörte man die wankende Meute dutzende Male über den Tresen brüllen.

Oh ja – Erdbeer-Daiquiri! Quell der Freude, kühlende Muse, süße Verführung der Geschmacksknospen. Es war wundervoll! Und wir tranken! Es muß gegen drei Uhr gewesen sein, als ich bemrkte, daß sich mein Körper aufzublähen begann – metaphorisch gesprochen, Gase waren nämlich keine im Spiel. Mein Kopf schwoll auf die gefühlte Größe eines Medizinballs an und mein Hintern quoll meinem Emfinden nach jeweils 30cm zu jeder Seite über die Sitzfläche meines Stuhls. Wie sonst war es zu erklären, daß es mir so schwer fiel, mich aufrecht darauf zu halten?

Ich leerte mein noch halb volles Glas in schnellen Zügen (Fehler?!), stieß Mark meinen Ellenbogen in die Seite und lallte: "Sch’ge jetz!". Er, gut einen Kopf größer als ich, raunte verwaschen zurück: "Ey, wie willstn nach Hause kommn, Alta?" Diese Frage hatte ich mir allerdings bereits gestellt (Drunken Genius!) und war zu der Erkenntnis gekommen, daß wohl weder Bus noch Bahn noch im Einsatz seien und der Fußmarsch durch die Winterlandschaft wohl dem Szenario in "So weit die Füße tragen" gleichkommen würde. Dank Mama und Papa war ich ja aber nicht ganz mittellos in die rauhe Welt gezogen und antwortete: "Mi’m Taxi!" Mark nickte und so zog ich mit meinem gefühlten Michelin-Männchen-Körper von Dannen.

Auf der Straße reihten sich dutzende Charter-Mercedes aneinander – ein Geheimtip unter Taxifahrern war diese Adresse wohl nicht mehr. Ich schob meinen Whirpool-Funktions-Wasserkopf ins nächstbeste Exemplar, nuschelte die Adresse der "Anstalt", wie wir es nannten und verlor das Bewußtsein…

Wenige Minuten später und rund 15 Mark ärmer stand ich vor der Treppe zu meiner Unterkunft. Diese befand sich genauer gesagt in der vierten Etage. Verfluchte Sch…!
Ich benötigte bestimmt weitere 15 Minuten, diese gefühlten 852 Höhenmeter á 17427 Stufen zu bewältigen, um mich dann, ganz murphy, mit einem rund 20m langen Gang im Matrix-Movie-Stil konfrontiert zu sehen, an dessen hinterem Ende sich hinter irgendeiner der geschätzt 248 verschlossenen Türen mein, im Übrigen gut 20cm zu kurzes, Bett befand.

Ja, ich Held meisterte auch diese Prüfung, entledigte mich meiner diskothekenbesuchtypisch nach einer Mischung aus Parfüm, Schweiß und Zigarettenqualm stinkenden Klamotten und ließ mich, eine barmherzige Ohnmacht erwartend, in mein Nachtlager fallen.

Ihr kennt das – maßloser Destilatkonsum und horizontale Körperlage vertragen sich nicht wirklich. Infolge dessen begann sich mein Bett auch schon nach kurzer Zeit zu drehen. Dieser Umstand traf mich nicht unerwartet und so versuchte ich, die vermeintliche, eindimensionale Rotationsbewegung schlichtweg zu ignorieren.
Womit ich jedoch nicht gerechnet hatte, waren die beiden anderen Bewegungsachsen. 3D-Action, Baby! So schien sich meine fleischliche Hülle plötzlich samt Unterlage aufrecht zu stellen, um dann seitlich herabzufallen. Ich fühlte mich in etwa wie in einem dieser Dinger, die man in den Luft- und Raumfahrt-Trainingszentren immer wieder sieht. Lawnmower-Man und so – ihr wisst, was ich meine, oder?

Ich hatte die Schnauze – im wahrsten Sinne des Wortes - gestrichen voll, als ich nach wenigen Sekunden dieser Freifall-Übung die Tür zu meinem Zimmer aufriß und die 20m 200m graue Meile hinabblickte, die mich von den sanitären Anlagen trennte. Erstaunlich schnell und relativ koordiniert hastete ich (vermutlich mehrmals mit der Wand kollidierend, mit fest zusammengepressten Lippen, gen Herrentoilette. In dieser angekommen fiel mein Blick zuerst auf ein Handwaschbecken. Geistesgegenwärtig entsann ich mich einem nur wenige Tage zurückliegenden Vorfall, bei welchem mein bester Freund ein eben solches zweckentfremdet hatte. Die übergabeunfreundliche Form des Porzellans sorgte dann für ein – na, nennen wir es mal "Überschwappen".
Die Hauseigentümerin hatte mir danach mit den Worten "Ist dein Kumpel!"einen Lappen in die Hand gedrückt, während "Kumpel" M. (Sei gegrüßt, Kurzer!) nebenan völlig besudelt seinen Rausch ausschlief.

So entschied ich mich, noch eine Tür weiter in den nächsten Raum zu wetzen und erblickte zu meiner großen Freude ein Pissoir. Ich stellte mich davor, stütze die Hände an die Wand, schloß die Augen und gab mein Innerstes preis. Ich ließ mir den ganzen Abend nocheinmal durch den Kopf gehen. En detail, mehrmals und heftig…

Als ich die Augen wieder öffnete, traf mich der Schock: "Blut! Überall Blut!"

Ich schloß die Augen erneut und versuchte, meine Lage zu erfassen. [...] Ich hatte es wohl übertrieben. Der ganze Alkohol mußte meine Magenschleimhäute zersetzt haben. Und nun? Nun war ich hier. Ganz allein - während der Rest der Bande Party machte. Ich würde hier und heute sterben. Innerlich verbluten. Und man würde mich erst finden, wenn es zu spät war… machs gut, Du schöne Welt!

Ich gab mich noch einige Minuten meinen letzten Gedanken hin. Dachte an meine Freunde, meine Familie, an mein bisheriges Leben…

…bis es mir plötzlich in den Kopf schoss: "Oh nee! Erdbeer-Daiquiri… ist… doch… ROT!"

08. November 2007 von Neri
Kategorien: Willkommen im Leben! | 7 Kommentare

Kommentare (7)

  1. Gibt es in Blogs jetzt auch schon Wiederholungen?

  2. Ist doch egal, ich find die Geschichte immernoch klasse.

  3. Neri, Du Poser! Was soll denn die Pommesgabel hier, Du hast doch gar keine langen Haare?
    *gnihi*

  4. @Flash: Da die alte Domain irgendwann vom Netz soll und ich einige Beiträge konservieren will: Ja. Außerdem reposte ich lieber, als mir irgendwelchen Zwangscontent aus den Fingern zu saugen…

    @Harty: Danke! Wohin soll ich überweisen? ;)

    @Sylvi: Woher willstn das wissen, huh? Und ich dachte, Du wärst nett! :twisted:

  5. Erinnert mich an ein Erlebnis als ich noch im Kindesalter war. Mein Vater wollte unbedingt in ein neueröffnetes Nobelrestaurant gehen. So ein richtig teurer Kasten. Ich wollte nicht, und wenn ich als Kind nicht wohin wollte, konnte es schnell passieren das ich Migräne bekam. Ich konnte mich da damals richtig reinsteigern.
    Das Ende vom Lied, ich habe das ganze Klo vom Restaurant vollgekotzt und mich selber erschrocken weil alles rot war. Hat für mich als Kind etwas gedauert bis ich realisiert hatte das das vom Erdbeereis kam, was ich den Tag über gegessen habe. :smile:

  6. Das war sehr nett gefragt :mrgreen:
    Aber: Pommesgabel ist wohl Händewaschen, weil nich mehr da :wink:

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