Filmkritik: Wolke 9

Die dot-friends bedachten mich vor einigen Tagen mit zwei Kino-Tickets für den Film “Wolke 9” und der Bitte, eine kleine Rezension hierzu zu verfassen. Da Madame und ich uns dieses Werk eh anschauen wollten, kam dieses Angebot nur gelegen.

Vielen dürfte der Film, der bei den Filmfestspielen in Cannes bereits Erfolge feiern durfte, zumindest aus den Medien bereits ein Begriff sein, wird er doch dort gerne als Skandal-Streifen gehandelt. Tatsächlich bricht “Wolke 9” auch ein gesellschaftliches Tabu – was aber meiner Meinung nach alles andere als skandalös ist.
Die Rahmenhandlung läßt sich kurz und knapp als Beziehungsdrama beschreiben: Eine liierte Frau lernt einen anderen Mann kennen und lieben, betrügt Ihren Partner, gesteht schließlich… und alle Beteiligten ziehen ihre Konsequenzen. Alltagsgeschehen, ein immer wiederkehrender Plot des realen Lebens, der sich ganz ohne gesellschaftlichen Aufschrei mit Jugendlichen wie auch Erwachsenen Darstellern filmisch inszenieren ließe. Regissseur Andreas Dresen hingegen setzte die Handlung mit Schauspielern jenseits der Berentungsgrenze um – inklusive nackter Haut- und polarisiert so bewußt.

Sex im Alter! Wie nicht anders zu erwarten löste die Enthüllung der Existenz eben dieses totgeschwiegenen Phänomens in Teilen unserer angeblich so aufgeklärten Gesellschaft Entrüstung aus. Erst recht, wenn es auf Celluloid gebannt über die Leinwände der Nation flimmert. Hat sich der Durchschnittsbürger grad mit viel Überwindung mit Dingen wie Homosexualität abgefunden, wird er nun an ein weiteres Tabuthema herangeführt. Ja, auch Menschen mit grauen Haaren fröhnen noch der körperlichen Liebe. Schwer verdaulich – gerade für eine Jugend, die von den Medien tagtäglich obskure Zusammenhänge zwischen Idealmaßen und Menschenwürde vermittelt bekommt.
Auf kroetengruen.de finden sich bereits einige Reaktionen zum Nachlesen. Auch ich äußerte hier bereits meine Meinung: Natürlich ist für einen jungen Menschen im Regelfall der Anblick eines alternden Körpers wenig attraktiv. Mit Achtzehn Jahren bspw. verspüren aber auch die Wenigsten Interesse an einer/m Dreißigjährigen. Zehn Jahre später hingegen sieht das schon wieder ganz anders aus…
Nicht nachvollziehbar aber, warum man der Menschheit ab einer bestimmten Altersgrenze das menschliche Grundbedürfniss nach Nähe grundsätzlich aberkennt. Natürlich möchte sich keiner seine Eltern beim Beischlaf vorstellen – aber mal ganz ehrlich: Ich möchte genausowenig wissen, wie mein bester Freund beim Geschlechtsverkehr aussieht.

Schlußendlich ist “Wolke 9″ ja auch nicht dazu gedacht, sein Publikum zu erregen, sondern nur dazu, zum Nachdenken anzuregen. Und das schafft er eigentlich schon dadurch, das er die Thematik in den Medien präsent macht. Wie gesagt: Im Film ist nichts zu sehen, was nicht auch einer/m Zwanzig- oder Vierzigjährigen passieren könnte. Lediglich die Darsteller machen den Film zu einem Medienereignis.
Nein, “Wolke 9″ ist kein Popcorn-Kino. Und meines Erachtens ist es aufgrund mangelnder Special-Effect-Dichte auch nicht unbedingt notwendig, ihn tatsächlich auf der großen Leinwand zu sehen. Da reicht auch der heimische Fernseher.

Fazit: Mit kleinen, liebevoll umgesetzten Details gespicktes, gesellschaftskritisches Drama, welches man vielleicht nicht unbedingt gesehen haben muß – viel wichtiger ist es aber, das man sich mal seine Gedanken zu der eigentlichen Message macht:
Jeder Mensch hat Gefühle und Sehnsüchte – und Oma und Opa halten nicht nur Händchen!
Ich denke, damit hätten die Macher Ihr Ziel auch schon erreicht: Wachrütteln – mit einer Prise Grenzüberschreitung. Hat schließlich schon damals bei Herrn Kolle funktioniert, das Konzept. Und über dessen Arbeit beschwert sich heutzutage doch auch keiner mehr… im Gegenteil!

14. Oktober 2008 von Neri
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Kommentare (6)

  1. also, ich hab mir schon gedacht, daß auch alte leute sex haben und für mich ist das kein tabu-thema. aber ich muß es auch genausowenig breittreten wie meinen eigenen sex.
    meine eigene kritik zu dem film hast du ja vielleicht auf meinem blog gelesen.
    und: sport machen hilft, um im alter fit zu sein! ;)

  2. Wie freizügig man mit der eigenen Sexualität umgeht, bleibt jedem selbst überlassen – dieses Recht sollte aber ebenfalls altersunabhängig sein. Natürlich will keiner zur Erregung öffentlichen Ärgernisses aufrufen. Ich kenne aber mehrere Senioren, die sich nicht einmal in der Öffentlichkeit ein Küßchen geben würden – weil sich “das nicht gehört”. Und ganz ehrlich: Das ist in meinen Augen echt unnötiger “Anstand”. Ich würde mir von niemandem verbieten lassen, Madame auch in der Öffentlichkeit mal einen Kuß zu geben.

    Deine vernichtende Kritik habe ich geleen ja – aber der Sport eint uns ja trotzdem ;)

  3. Nee, darum geht es ja auch nicht.
    Ich finde den Film einfach zu breitgetreten. Und die Szenen ziehen sich gähnend und unendlich.
    Ich mag ja Programmkino-Filme und ich mag auch ruhige Filme.
    Aber dieser hier ist einfach nur langweilig. Meine Meinung.

  4. ich frage mich ja immer wie unsere derzeitige generation im altersheim mit piercings und tattoos ausschaut. dann dürfen die zivis das alte arschgeweih putzen.

    dagegen ist dieser film wahrscheinlich noch kindergarten ;-)

  5. ganz nebenbei hat sich cindy aus marzahn da einen gag aus dem film geklaut^^

  6. @Rob: Piercings (sofern man sie freiweillig so lange behält) und Tattoos werden dann niemanden schocken. Einfach, weil sie völlig normal sind.
    Nur wirst Du Dich freuen, wenn dann da noch ein Zivi ist, der Dir hilft, wenn das in unserem Pflegesystem so weitergeht.

    Und was Cindy angeht: Die Dame ist ein Grund, den TV abzuschalten, wenn Du mich fragst…

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