Laktoseintoleranz – wenn Milch Probleme macht
Ich bin selbst betroffen und werde immer wieder mit Fragen und vor allem Ungläubigkeit in meiner Umgebung konfrontiert. Das Wissen der Gesellschaft um dieses Phänomen (nein, es ist definitionsgemäß kein Krankheitsbild!) ist in Deutschland erschreckend gering. Eben deshalb möchte ich an dieser Stelle meinen Beitrag dazu leisten, aufzuklären.
Hervorheben möchte ich, dass es sich beim folgenden Beitrag in keinem Fall um eine medizinische Beratung handelt, oder dieser eine solche ersetzen könnte. Der Text ist bewusst laienverständlich geschrieben und fachlich unpräzise, transportiert aber meiner Ansicht nach das für Fachfremde notwendige Wissen zum Thema.
Laktose – was ist das eigentlich?
Lactose, auch als Milchzucker bekannt, ist ein sog. Disaccharid, also ein “Zweifachzucker”, bestehend aus Glucose und Galactose. Die Verbindung dieser beiden Zuckermoleküle wird im Zuge der Verdauung idealerweise durch ein Enzym, genannt Lactase, gespalten. In diesem Falle können die beiden o.g. Einfachzucker dann vom Körper weiter verwertet werden.
Leider ist dies (entgegen weit verbreiteter Ansicht) eigentlich eher die Ausnahme. Denn rund 75% der Weltbevölkerung und rund 20% der Deutschen weisen einen Mangel an Laktase auf.
Wie kommt das?
Der Grund ist eigentlich recht einfach: Der Mensch bildet von Geburt an Lactase, die er benötigt, um den in der Muttermilch in großen Mengen enthaltenenen Milchzucker als Energiequelle zu verwerten. Nach der Stillzeit nimmt die Menge des gebildeten Laktase jedoch kontinuierlich ab, so dass im Erwachsenenalter meist nur noch etwa ein Zehntel der Menge des im Säuglingsalter verfügbaren Verdauungsenzyms bereit steht. Somit bleibt die Muttermilch Säuglingen (also den jüngsten Kindern) vorbehalten.
Doch genau hier fangen die Probleme vieler erwachsener Menschen an: Steht im Dünndarm (dem Hauptort der Umsetzung) nicht genug Lactase bereit, um den mit der Nahrung aufgenommenen Milchzucker in seine Bestandteile zu zersetzen, so gelangt dieser unverdaut bis in den Dickdarm, wo er zu einem großen Teil von Darmbakterien zersetzt wird. Hierbei entstehen u.a Milchsäure, flüchtige Fettsäuren, Methan und Wasserstoff. Außerdem “zieht” der unverdaute Zucker osmotisch Wasser in den Darm (deshalb wird Milchzucker in hoher Dosierung auch als Abführmittel verwendet).
In der Folge kommt es, in Abhängigkeit der Menge unverdauter Laktose, in der Hauptsache zu mehr oder weniger ausgeprägten, spontan einsetzenden, ggf. von Krämpfen und Übelkeit begleiteten Durchfällen und Blähungen. Der Leidensdruck kann enorm sein – insbesondere, wenn man nichts von der Ursache seiner Beschwerden ahnt. Das Bauchweh ist da das geringste Problem, wenn man unterwegs spontan auf eine Toilette angewiesen ist…
Diese Symptome sind jedoch nicht mit einer allergischen Reaktion zu verwechseln: Es handelt sich hierbei nicht um eine durch Genuß von Milchprodukten ausgelöste Immunreaktion (diese richtet sich gegen spezifische Eiweißbestandteile, auch in geringsten Mengen), sondern wie beschrieben um die Folgen eines individuell ausgeprägten Enzymmangels oder -defekts.
Natürlich kann eine unzureichende Enzymsynthese auch genetisch bedingt, also angeboren, durch Darmerkrankungen oder toxisch bedingt sein (vgl. z.B. Alkoholismus). Mehr zur Ursachenforschung erfahren Sie weiter unten.
Und wieso “vertragen” trotzdem so viele Menschen Milchprodukte?
Nun, diese Aussage muss man in geographisch wie kulturellem Kontext mehrfach beantworten: Während hierzulande 8 von 10 Menschen völlig sorgenfrei Milchprodukte konsumieren können, verhält es sich in Asien nahezu umgekehrt. 9 von 10 Menschen “leiden” dort unter einer Laktose-Intoleranz, weswegen man dort auch kaum Kuhmilch und entsprechende Erzeugnisse in den Supermarktregalen findet.
Unsere höhere Toleranz ist also vermutlich schlichtweg evolutionär begründet: In Europa wird seit Jahrhunderten Milchvieh gehalten und landwirtschaftlich genutzt. Milch und daraus hergestellte Lebensmittel landeten folglich auf unserem Speiseplan und in der Folge konnte sich in unserer Population eine selektionsvoteilhafte Mutation durchsetzen, welche eine lebenslange Laktase-Bildung bedingt.
Zudem versiegt die Produktion des Verdauungsenzyms bei vielen Menschen nicht vollständig. Im Idealfall bleibt sie soweit erhalten, dass der Konsum lokaltypischer Mengen auch bis ins hohe Alter ohne negative Konsequenzen bleibt.
Wie finde ich raus, ob ich betroffen bin?
Die zunächst einfachste Möglichkeit, sich Klarheit zu verschaffen, ist ein Auslassversuch. Hierzu verzichtet man einfach einige Zeit auf Milch und Milchprodukte (bspw. Sahne, Joghurt, Quark, Käse, aber auch versteckte Milchzuckerquellen, bspw. in Wurst, Fertiggerichten, Backwaren, Eis, Schokolade, diversen Süßwaren, Gewürzmischungen und vielem mehr). Nach mehrtägigem/wöchigen Verzicht schafft eine Provokation mit Milchzucker (lassen Sie sich hierzu von Ihrem Hausarzt beraten!) dann ggf. Klarheit: Treten die Symptome binnen Stunden wieder auf, so ist eine Laktoseintoleranz wahrscheinlich.
Verlässlicher ist selbstverständlich der Weg über die medizinische Diagnostik. Zu Nachweis einer “Milchzuckerunverträglichkeit” stehen mehrere Verfahren zur Verfügung, angefangen von einem Atemtest, über eine Blutzucker-Messreihe bis hin zu Gentests und Gewebsuntersuchungen, die Hilfesuchenden Klarheit verschaffen. Ihr Hausarzt wird sie dazu gerne beraten.
Und was kann ich selbst dagegen tun?
Bei den in Milch und Milchprodukten enthaltenen Kohlenhydraten handelt es fast ausschließlich um Lactose. Möglich wäre natürlich, diese strikt zu meiden. Glücklicherweise erkennt aber auch die Lebensmittelindustrie zunehmend die Kaufkraft der von einer Lactoseintolerant betroffenen Konsumenten:
In immer mehr Supermärkten finden sich laktosefreie Nahrungsmittel-Alternativen (Milch, Käse, Joghurt, Süßwaren – das Angebot wächst beständig), teilweise sogar gruppiert in einer eigenen Abteilung, wie man es auch von für Diabetiker ausgewiesenen Nahrungsmitteln kennt. Oftmals sind die Produkte aber leider quer durch den Markt verstreut – und im Regelfall etwas teurer. Einige Großmärkte verfügen über Listen der angebotenen lactosefreien Waren, die an der Eingangsinfo einzusehen oder als Kopie erhältlich sind. Auch Reformhäuser haben, ebenso wie ihre Lieferanten, die Zeichen der Zeit lange erkannt und bieten diverse laktosefreie Waren an. Allerdings muss man hier noch etwas tiefer ins Portmonaie greifen.
Darüber hinaus lohnt sich die Recherche im Internet. In diversen Foren, bspw. LIbase tauschen sich Betroffene über ihre Erfahrungen und Bezugsquellen aus. Auch themenspezifische Portale wie www.einfach-laktosefrei-leben.de informieren regelmäßig über relevante Neuerungen auf dem Lebensmittelmarkt.
Prinzipiell hilft beim Einkaufen nur das genaue Studieren der Inhaltsstoffe: Laktose ist seit 2005 in Deutschland kennzeichnungspflichtig und muss somit aufgeführt werden. Übrigens wird Milchzucker in vielen Fällen auch als Trägersubstanz für (auch homöopathische) Arzneimittel und Medikamente verwendet.
Muss ich jetzt auf alle normalen Milchprodukte verzichten?
Nein, im Regelfall nicht. Eine komplette Intoleranz ist selten, meist besteht eine individuelle Restaktivität der Laktasesynthese, also der Bildung des den Milchzucker abbauenden Verdauungsenzyms.
Apotheken und Drogeriemärkte halten für diesen Fall Laktase-Präparate verschiedener Dosierungen in Kapsel- oder Kautabletten-Form bereit, die unmittelbar vor oder während einer Milchzucker enthaltenden Mahzeit eingenommen, die körpereigenen Enzyme quasi ersetzen können. Somit ist es Betroffenen möglich, auch außerhalb (z.B. im Restaurant, bei Freunden) wie gewohnt laktosehaltige Speisen zu genießen, ohne dies wenige Stunden später zu bereuen.
Anzeige


