Nase voll

Mehrfach postoperativ rezidivierende Polyposis nasi et sinuum i.F. chronischer Pansinusitis

So, oder zumindest sehr ähnlich dürfte die Diagnose "auf Schlau" in etwa lauten. Zu deutsch: Ich hab die Nase voll! Und das in mehrerlei Hinsicht…
Ein weiterer Artikel aus der Reihe "Beiträge, die über Suchmaschinen Leidensgenossen zwecks Erfahrungsaustausch zusammenführen könnten", bei dem zwar der ein oder andere Fachbegriff einfließen wird, ich mich aber im Großen und Ganzen bemühen werde, für Jedermann verständlich zu schreiben. Fangen wir gleich damit an: Oben aufgeführtes Kauderwelsch beschreibt eine auch nach wiederholter Operation immer wieder auftretende Entzündung aller drei Nebenhöhlen unter Ausbildung von Polypen in diesen.

Es handelt sich bei diesem Beitrag natürlich wie immer nur um einen persönlichen Erfahrungsbericht, der keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und / oder Korrektheit erhebt . Eine umfassende Untersuchung, Diagnose und Beratung bleibt selbstverständlich Sache eines praktizierenden Hals-Nasen-Ohren-Arztes (HNO).

Jeder hat schonmal von Ihnen gehört: "Polypen". Allgemein gesprochen handelt es sich hierbei um in der Regel gutartige, stielförmige, mit Flüssigkeit gefüllte Schleimhautaussackungen, die in Folge eines längerwährenden Entzündungsprozesses entstehen. Bei mir ist es eine chronische Nasennebenhöhlenentzündung, u.a. in Folge einer mangelhaften Belüftung eben dieser, welche zur Polypenbildung geführt hat. Ich bin (zumindest dort) wohl schlicht zu eng gebaut… und reagiere offensichtlich auf irgendeinen noch nicht festgestellten Umweltfaktor "allergisch". Doch dazu später mehr.

Oftmals hört man von Kindern, denen die Polypen aus der Nase entfernt werden. Hierbei handelt es sich in den meisten Fällen wohl um einen lediglich einmalig notwendigen ambulanten Eingriff, der bestehende Atemprobleme behebt. Kinder haben da nämlich einen entscheidenden Vorteil: Ihre Polypen haben Ihren Ursprung zumeist in der einfacher zugänglichen Nasenhaupthöhle. Aus diesem Grunde ist es dem HNO-Arzt möglich, die Störenfriede direkt in der Praxis mit recht einfachen Mitteln zu entfernen – man spricht von einer Polypektomie. Diese erfolgt zumeist mittels eines Instrumentes an dessen Ende sich eine kleine Drahtschlinge befindet, die an dessen Basis um den Polypen gelegt und dann zugezogen wird. Die Geschwulst wird somit abgeschnitten. Das Beste daran: Polypen enthalten keine Nervenfasern, sodaß dieser Eingriff unter lokaler Betäubung durchgeführt werden kann. Nichtsdestotrotz kann es natürlich zu Blutungen und Entzündungen kommen.

Etwas schwieriger hingegen wird es, wenn die Polypen ihren Ursprung in den wesentlich unzugänglicherern Nasennebenhöhlen haben. Ursache bzw. Wirkung sind zumeist unbehandelte oder wiederkehrende Nasennebenhöhlenentzündungen. Teilweise findet sich als Begleiterscheinung noch eine anormale Eindickung der Nasensekrete unklarer Ursache, die eine Verlegung begünstigt. Die dabei teilweise entstehenden Propfe und Krusten lassen sich oftmals nur vom HNO-Arzt mittels Absaugen entfernen.
Es ist wie mit der Henne und dem Ei: Wer war zuerst da? Die Entzündung in Folge der verlegten Luftwege oder die mangelhafte Belüftung aufgrund der im Rahmen des Entzündungsprozesses entstandenen Polypen?

Mögliche Folgen sind Kopfschmerzen, Druckgefühl, Dauerschnupfen, teils massiv eingeschränkte oder gar unmögliche Nasenatmung mit resultierenden Schlafstörungen und Schnarchen sowie eine Behinderung (bis hin zum vollständigen Verlust) des Geruchssinns (Anosmie).

Oftmals gesellt sich zu der eigentlichen Problematik noch eine Verkrümmung der Nasenscheidewand (Septumdeviation), sowie vergrößerte Nasenmuscheln (umgangssprachlich auch als Nasenschwellkörper bezeichnet). Man spricht dann von einer "Hypertrophie der Conchae nasalis".
Die häufig vorkommende Nasenscheidewandverkrümmung läßt sich im Rahmen einer sog. Septumplastik begradigen. Eine operative Verkleinerung der Nasenmuscheln ist mittels einer sogenannten Muschelkaustik oder Conchotomie möglich. Darüber hinaus kann es notwendig sein, die Zugangswege zu den Nasennebenhöhlen zu erweitern ("fenstern"), um eine adäquate Belüftung zu ermöglichen. [Eine neuere Operationsmethode bedient sich gemäß der NDR-Doku "Visite" vom 11.12.2007 hierzu wohl der im Rahmen von operativen Herzgefäßerweiterungen bekannten Ballondillatation, sei aber angeblich bei Polyposis nicht angezeigt. In die Richtung muß ich noch ein wenig recherchieren...]. Diese Eingriffe sind aufgrund der räumlichen Nähe zur Augenhöhle und zum Schädelinneren bei recht dünnen Knochenwandungen natürlich nicht ohne Risiko.

Leider haben all diese und einige weitere (unnötige) Eingriffe bei mir nicht zu einer bleibenden Besserung geführt. Bei anderen Patienten schon. Auch ich habe postoperativ selbstverständlich eine deutliche Verbesserung wahrgenommen – freies Atmen durch die Nase, zeitweise sogar wieder minimales Geruchsempfinden und sorgenfreies (will heißen schnarchfreies) Schlafen für mich und meine Partnerin. Leider hatte dieses Glück auch nach wiederholter OP keinen Bestand. Nach rund einem halben Jahr hatten die Polypen meine Nebenhöhlen wieder komplett eingenommen und schickten sich an, die Luftwege erneut einzuengen und schließlich komplett zu verlegen. Ursache unbekannt.

Ich gehöre damit wohl zu einer recht seltenen, aber durchaus bekannten Patientengruppe, denen auf chirurgischem Wege nicht abschließend geholfen werden kann. Folgerichtig wurde nach der Ursache für die wiederkehrenden Entzündungen gefahndet. Leider ließ sich auch keine Allergie nachweisen, die für meinen Zustand auslösend sein könnte. Oftmals treten vergleichbare Symptome wohl im Rahmen einer ASS-Unverträglichkeit oder Histamin-Intoleranz auf – beides trifft in meinem Falle jedoch nicht in erklärendem Maße zu, wenngleich ich beispielweise nach Alkoholkonsum eine merkliche Verschlechterung im Sinne eines massiven Anschwellens der Nasenschleimhäute verzeichnen kann (vgl. im Rahmen von Gährungsprozessen anfallende Histamine). Bislang konnten auch keine Allergien nachgewiesen werden.

Gängige Medikamente zur Dämpfung einer überschießenden Immunreaktion (Antiallergika) zeigten leider keinerlei Wirkung, sodaß ich schlußendlich Cortsion-Präparate erhielt. Im Rahmen einer kurzfristigen Höherdosierung gelang es (quasi durch Unterdrückung der unverhältnissmäßigen Entzündungsreaktion und Rückbildung der Polypen in Folge dessen) auch, die Atemwege soweit wieder gängig zu machen.
Aktuell besteht meine Medikation in der dauerhaften Einnahme von einer Tablette Prednison/Prednisolon 5mg am Tag sowie mehrmaliger Anwendung eines Cortison-haltigen Sprays. Somit besteht zwar weiterhin eine Mangelbelüftung der Nebenhöhlen und riechen tu ich absolut nichts, aber ich bin zumindest in der Lage, mehr oder weniger frei über die Nase zu atmen. Und diesen Luxus weiß jeder zu schätzen, der auch nur über 2-3 Tage erkältungsbedingt eine verstopfte Nase hat!

Ein kleiner allgemeingültiger Hinweis am Rande: Handelsübliche und frei verkäufliche Nasensprays aus der Apotheke sind nicht für eine dauerhafte Anwendung geeignet, auch wenn Sie sicherlich kurzfristige Linderung verschaffen. Im Rahmen des sog. Rebound-Effektes kommt es jedoch bei regelmäßiger Nutzung zu einer Art Gewöhnungseffekt, der zum generellen Anschwellen der Schleimhäute führt und so die eventuell vorhandene Problematik nur verschlimmert. Man spricht von einer sog. Rhinitis medicamentosa. Aus diesem Grunde sind derartige Sprays z.B. in den USA verboten! Ich selbst habe damals den Fehler eines solchen Medikamenten-Mißbrauchs gemacht und es gibt auch heute noch eine nicht geringe Anzahl Nasenspray-Abhängiger in Deutschland und der Welt. Vielen helfen alternativ regelmäßige Nasenspülungen mit einer Kochsalzlösung. Sogenannte "Nasenduschen" und die entsprechenden Zusätze sind sowohl in der Apotheke als auch in der Drogerie erhältlich.

Meine bisherigen Anläufe, dem Übel homöopathisch zu begegnen, verliefen bislang leider auch wenig erfolgversprechend, allerdings steht demnächst ein neuer Versuch an, bei dem u.a. auch eine Sanierung meines ebenfalls doch recht sensiblen Verdauungstraktes ansteht. Gemäß den Lehren der alternativen Medizin besteht hierin womöglich ein Zusammenhang, sagte man mir.

Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Vielleicht sollte ich die Thematik mal als Aufhänger für meine zukünftige Doktorarbeit ins Auge fassen? Schließlich herrscht ja da definitiv Forschungsbedarf. Mal schauen…

UPDATE: 3mal täglich ein Sprühstoß eines Asthma-Sprays mit dem Handelsnamen "Sanasthmax" in jedes betroffene Nasenloch führte bei mir erst kürzlich in Kombination mit oben beschriebener Prednisolon-Einnahme zu einer massiven Verkleinerung der Polypen (ärztlich bestätigt), sodaß ich mittlerweile wieder richtig frei atmen und sogar wieder etwas riechen kann! Daran war die letzten Jahre nicht zu denken. Und auch das Geschmacksempfinden ist wieder hergestellt. Mehr dazu in diesem etwas humorigeren Artikel. Zwar handelt es sich eigentlich um ein Asthma-Spray, welches jedoch ein lokal wirksames Cortison enthält. Und trotz seiner eher nasenuntypischen Form läßt es sich bequem ansetzen, einatmen und trocknet zumindest bei mir die Schleimhäute nicht aus, wie so manch andere derartige Mittel. Demnächst werde ich dann mal versuchen, die Menge an einzunehmendem Predni zu verringern…

13. Dezember 2007 von Neri
Kategorien: Gesundheit | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Danke für Deinen tollen ausführlichen Beitrag. Ich habe leider auch Probleme mit Nasenatmung, Sinusitis etc

    Würde gerne wissen wie es Dir jetzt geht? Hat Astma Spray langfriestig geholfen?

    Danke und schöne Feiertage

    Irina

  2. Vielen Dank für Deine tolle Darstellung Deines Krankheitsverlaufs mit eingehender Erörterung des Begriffs “fenstern”. Hatte schon viel geschaut, was es bedeutet, nun weiss ich, was man bei mir gemacht hat. Musste 3 mal operiert werden, um das Übel meiner stetigen Luftnot zu erkennen. Ähnlich wie bei Dir, Nasennebenhöhlenerweiterung, Nasenscheidewandbegradigung, Nasenkorrektur von aussen, Nase nach oben gesetzt, zur besseren Atmung. Alles nichts geholfen, nun hat man Polypen festgestellt, welche am CT nicht erkennbar waren. Bin gespannt wie es sein wird, wenn ich einer Woche das Pflaster ab ist. Ob ich dann normal Luft bekommen werde und wie lange es von Dauer sein wird? Schnarchen und kein Geschmackssinn zu haben sind für mich zum Glück Fremdwörter.
    Ich werde in einer Woche wieder berichten. Dany

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