Pulverfass

Das erste Wort, was mir zum kommenden Beitrag einfiel, war eben dieses: Pulverfass. Es gibt ja so einige Themen, an denen sich die Gesellschaft spaltet. Als Trennlinien kommen hierbei sowohl Alter wie auch Geschlecht, Erziehung, familiärer und sozialer Hintergrund im Allgemeinen, Bildung, frühkindliche Prägung, politische Orientierung, individuelle Erfahrungen, Integrität und sicherlich auch persönliche Angstsensitivität in Frage. Also eigentlich alles Denkbare- macht im Mix rund 6152 Milliarden mögliche Kombinationen … oder so. Lediglich die Weltreligionen scheinen sich meines Wissens einig in ihrer ablehnenden Haltung zu sein. Oder irre ich mich?

Ganz recht: Das heiße Eisen, welches ich hier anpacken will, nennt sich Homosexualität. *Dam-Dam-DAAAA!* Und guess what –  das Ganze  kommt nicht etwa von einem “warmen Bruder”, sondern von einer  bekennenden “Hete” (vgl. “hetero”), die hier im Folgenden eine Lanze für das intrageschlechtliche Miteinander brechen, aber auch eine kleine Kritik üben möchte! Und, liebe Leser, ja  -  ihr müsst jetzt tapfer sein – der Beitrag wird lang…

Ich hatte schon lange vor, dazu mal ein-zwei Worte zu verlieren. Aktueller Auslöser, dieses Thema endlich einmal aufzugreifen,  waren nun zwei voneinander unabhängig verfasste Artikel, die ich soeben in zwei der unzähligen Blogs dieser Welt las. Beide streiften – wahrscheinlich sogar eher unbewusst – die Grenze der Diskriminierung. Ich unterstelle an dieser Stelle gar keinen Vorsatz, sondern eher Unüberlegtheit. Traurigerweise sind ja mit dieser Thematik belegte Begriffe in unserer Gesellschaft immer noch mit diversen Stereotypen (ja, genau: Vorurteilen) belegt.
Der Begriff “schwul” ist für einen Großteil der Bevölkerung nach wie vor negativ besetzt. Die radikalsten Stimmen schockieren mit  Attribuierungen wie “krank”, “anormal”, “pervers” oder bedienen sich einer Reihe von etablierten Verbal-Attacken Marke “Schwuchtel”, o.ä. Selbst Kinder verwenden heutzutage nur allzu gerne politisch inkorrekte Wortwaffen wie “schwule Sau”. Zwar haben sie keinen Schimmer von der Bedeutung des Gesagten, beweisen aber eindrucksvoll zweierlei: Homosexualität gilt hierzulande als unerwünscht und das “Lernen am Model”-Prinzip funktioniert. Gossen-Jargon und deutschem HipHop sei dank.

Die eigene Sexualität ist nicht zuletzt die Summe einer Reihe von Faktoren. Die Anfangs in diesem Text im Rahmen der Meinungsfindung aufgeführten Punkte sind gleichsam einflussnehmend im Bezug auf die Persönlichkeitsprägung und die individuelle sexuelle Ausrichtung –  und doch nur ein Tropfen im Meer der schließlich das Individuum formenden Bausteine. Einen universellen Grund für Homosexualität bestimmen?    Unmöglich,  behaupte ich.

Aber rollen wir das ganze doch einmal “von hinten” auf: Was gibt es nicht an Facetten und Spielarten der Heterosexualität. Nur ist hier gesellschaftlich quasi erlaubt, was gefällt. Und auch, wenn es den Einen oder die Andere verängstigt, dann wird es halt zur Randgruppe erklärt – verliert aber nicht den Reiz des Interessanten.  Bondage und SM? Ganz ehrlich – kleine Fesselspielchen und Kerzenwachs sind doch mittlerweile Alltag in deutschen Schlafzimmern, oder? Nur – wie konnte es denn dazu kommen? [...] Nach diesen Ursachen fragt kurioserweise niemand…

Trotz aller völkischer Ablehnung: Auch bei Homosexualität handelt sich nicht um eine Krankheit! Nehmen wir es doch besser ganz simpel als das, was es ist: Die Liebe zwischen zwei Individuen! Betrachtet man das ganze nämlich mal ganz unkörperlich, so wird einem das “Phänomen” nämlich schlagartig viel erklärbarer. Es geht um Zuneigung, Verbundenheit und Vertrauen. Ganz wie in heterosexuellen Beziehungen. “Gleichgeschlechtliche Liebe” – die in meinen Augen treffendste Bezeichnung.
Der gemeine Mensch mit seinem Hang zur  Ablehnung alles Fremden reduziert Homosexualität jedoch oft ausschließlich auf die sexuelle Interaktion. Bei Schwulen ginge es ja nur ums Ficken um Sex. Alles untreue Triebgestörte.

So zumindest sehen es viele “normale” Männer. Betrachtet man ergänzend aber noch deren gleichzeitig höhere Toleranz gegenüber weiblicher Homosexualität, so wird schnell klar, das hinter all der Ablehnung wohl vielmehr die eigene Penetrationsangst steckt:
Diese Angst ist erklärbar und keinesfalls schlimm. Sehr wohl aber die allgemein etablierte Reaktion auf sie. Da wird in den meisten Fällen ganz schnell, laut  und öffentlich die Gegen-Position bezogen. Das sei doch nicht normal. Sowas gibt’s doch nur bei Tieren!
In den eigenen vier Wänden  läuft dann aber hinter verschlossenen Vorhängen nicht selten die ein oder andere Lesben-Szene im Wohnzimmer- oder Kopfkino. Analverkehr betreiben dann mal gemäß Statistik eben auch rund 40% der Heteros – ganz gleich ob  Männlein oder Weiblein –  und die Majorität der Jungs, deren Freundin das nicht mag, würde trotzdem gerne mal den Hintereingang austesten… iss doch ganz normal. Oder nicht?

An  der oben genannten Homophobie ist der durchschnittliche “Homo” (zumindest gemäß meinen persönlichen Erfahrungen) jedoch auch nicht ganz unschuldig, machen sich viele, ganz emanzipiert, doch auch ganz gerne mal einen Spaß daraus, offensichtlich Heterosexuelle ganz provokant und offensichtlich “anzuschwulen”, um deren Reaktion auszutesten. Und was tut die “Hete”? Na klar – genau das, was man von ihr (lustig, das  Heterosexuelle in diesem Falle einen weiblichen Artikel haben) erwartet. Stichworte: Scham, Angst, Ablehnung. Die selbe Situation würde sich vermutlich einstellen, wenn eine offensiv paarungswillige Frau einen “Homo” bedrängen  würde. Diesem wäre dies wahrscheinlich ebenso unangenehm…

Warum ich darüber nachdenke und schreibe? Stimmt, eigentlich könnte es mir doch egal sein. Ich lebe glücklich und in jederlei Hinsicht zufrieden mit meiner Freundin zusammen. Wir erfüllen nahezu 100% des gesellschaftlichen anerkannten Ideals und  sind somit nicht ansatzweise von irgendeiner Form der Diskriminierung betroffen.
Mich persönlich stört es aber halt trotzdem jedesmal, wenn man sich in meiner Gegenwart abwertend über Homosexuelle äußert. Für meine Begriffe muß mein Gegenüber nicht die gleiche sexuelle Orientierung haben, um “würdig” zu sein.
Menschenwürde – ein gutes Schlagwort in diesem Zusammenhang. Solange man nicht mit ihm oder ihr ins Bett will, zählt der Mensch ansich – ob mit Penis oder Vagina. Was Ihr in Euren Betten abseits des Schlafens treibt, geht mich zunächst einmal absolut nichts an. Hauptsache, Ihr und Euer Partner – ganz gleich welchen Geschlechts – seid glücklich damit. Amen!

P.S: So – und nun lehne ich mich entspannt zurück und warte auf  zahlreiche konstruktive Kommentare sowie dauerhaft sicherlich  ebensoviele kleingeistige Anfeindungen von guhgelnden Ghetto-Kiddies. Was ein Spass! :)

NACHTRAG: Beim Eierkopp findet Ihr einen thematisch verwandten Artikel, der am realen Beispiel sicherlich representativ verdeutlicht, wovon ich hier schrieb.

10. März 2008 von Neri
Kategorien: Man wird ja wohl mal fragen dürfen... | 11 Kommentare

Kommentare (11)

  1. Ganz meine Meinung! Zu diesem Thema habe ich gestern einen Mitschnitt einer extrem homophoben Rede einer amerikanischen Abgeordneten (Oklahoma) gehört.
    Interessant dabei ist nicht so sehr, dass sie das alles überhaupt von sich gegeben hat – außer dass hoffentlich der ein oder andere als Bürgervertreterin nicht mehr wählenswert finden wird, hoffentlich – sondern dass sie glaubte einer sehr kleinen Gruppe von Leuten ihre hasserfüllten Gedanken mitzuteilen. Noch nie was von Internet und Youtube gehört…
    http://www.youtube.com/watch?v=tFxk7glmMbo

  2. Erstens: wenn ich nicht zufällig wüsste, dass Du (angehender) Arzt bist, an DEM Satz würde ich es merken:
    “Die eigene Sexualität ist nicht zuletzt die Summe einer Reihe von Faktoren. Die Anfangs in diesem Text im Rahmen der Meinungsfindung aufgeführten Punkte sind gleichsam einflussnehmend im Bezug auf die Persönlichkeitsprägung und die individuelle sexuelle Ausrichtung – und doch nur ein Tropfen im Meer der schließlich das Individuum formenden Bausteine.”

    Meine Fresse, Chapeau und Du hast Glück, dass ich auch mit Hesse klar komme, sonst hätte ich 3x lesen müssen ;)

    Zweitens: Mein “kleiner” Bruder hat einem schwulen Herrn die Fresse poliert, weil ihn dieser eben ständig “anschwulte”, die Du es so schön ausdrückst und ich hätte geklatscht, wenn ich dabei gewesen wäre. Warum? Weil niemand das Recht hat, eine andere Person mit seiner Sexualität zu bedrängen. Das gilt für Heten in Bezug auf Frauen, Frauen in Bezug auf Frauen und Heten in Bezug auf Homos und und und.

    Drittens: Kannst Du den Grund für diesen Beitrag etwas mehr konkretisieren? Oder ist “Mich persönlich stört es aber halt trotzdem jedesmal, wenn man sich in meiner Gegenwart abwertend über Homosexuelle äußert” der Grund? Wenn ja: WOW, was für eine Rede :)

    Für mich ist ein Mensch ein Mensch. Ob katholisch, evangelisch, schwul oder lesbisch, Vegetarier oder Fleischfresser: Primär ist das ein Mensch. Mann oder Frau. Und was danach kommt … das geht nur die Person etwas an. Mich nur dann, wenn ich belästigt werde.

  3. Man, man, man. Obwohl ich solche langen Texte gekonnt weg klicke, hat es mir dieser angetan.

    Am Eindrucksvollsten empfand ich den Abschnitt, in dem folgendes Stand: “Die Liebe zwischen zwei Individuen! Betrachtet man das ganze nämlich mal ganz unkörperlich, so wird einem das “Phänomen” nämlich schlagartig viel erklärbarer. Es geht um Zuneigung, Verbundenheit und Vertrauen.”

    Ich habe nichts gegen Schwule, solange sie mich damit in ruhe lassen und nicht, wie du scho schön schriebst, ‘anschwulen’. Außerdem läuft ab und zu auch in meinem Kopfkino das sexuelle Verhalten zweier Frauen ab.

    Schlimm finde ich nur die Abneigung der Gesellschaft gegenüber den Gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Vielelicht liegt es daran, das man lieber das Paradisische Bild von Adam und Eva vor Augen hat. Aber warum werden Schwule und Lesben auf der Straße angepöpelt; spuckende, trinkende, rauchende und gewalttätige Jugendliche nicht? Wieso ist es normal, wenn sich 12/14-jährige auf offener Straße küssen und sich begrabschen? Es scheint für die meisten Menschen normal zu sein, nur weil es ‘Mann’ und ‘Frau’ sind, welche das machen.

    Die Ablehnente Haltung der Kirche ist auch ein Thema. Ich verstehe es nicht, wieso die Kirche dagegen ist. Es ist keine “Krankheit” der jetzigen Gesellschaftsgeneration. Mit Sicherheit gab es auch schon Schwule und Lesben vor Christus Geburt, weit davor sogar. Nur auch damal wurden mit Sicherheit diese Menschen diskriminiert und haben sich nur an sicheren Orten geliebt und vertraut.

    Ich als Christ habe nichts gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen, von mir aus dürfen diese auch eheähnliche Gemeinschaften – warum auch nicht eheliche Gemeinschaften gründen, solange sie ihren Kindern eine neutrale Erziehung in diesem Thema gewährleisten.

  4. Was ein Zufall das ich gestern einen Artikel über das gleiche Thema veröffentlicht habe. Meiner ist aber entstanden weil es einen konkreten Fall in meinem Freundeskreis gibt der mich einfach nur aufregt. Werde heute Abend zu Hause mal ein wenig verlinken, von hier aus geht das nicht :wink:

  5. @Klaudia: Ist es nicht fester Bestandteil der Stellenbeschreibung eines Politikers, zu sagen, was die jeweiligen Zuhörer hören wollen?

    @Meg: Ja!

    @Meg: Nur Spaß… aber es ist tatsächlich so, dass ich einfach mal ein Statement dazu abgeben wollte, weil mir derartige Situationen immer etwas sauer aufstossen. Und was den Schachtel-Satz angeht, hab ich mir schon einiges abgewöhnt. Hab deswegen sogar in der Schule mal ne Klassenarbeit versemmelt. Faktisch war alles richtig – aber Frau Lehrerin hat irgendwann beim 23sten Nebensatz die Übersicht verlassen ;)

    @Frank: Gut erfasst. Besagter Abschnitt ist ja eigentlich auch die Kernaussage. Alles andere ist schmückende Umverpackung. Und was die Historie angeht: Da war sogar homosexuelle Pädophilie Gang und Gebe…

    @Luigi: Na, das werd ich mir doch auch gleich mal anschauen…

  6. Prädikat: Wundervoll!

    Da kann ich mich nur noch dankbar und beruhigt verneigen! Dankbar das eine bekennende Hete derart differenziert und fundiert zum diesem Thema postet. Als bekennender 100%iger Schwuler (naja sagen wir mal 95% *grins*) kann ich nur beruhigt sein, dass es immer mehr Menschen gibt, die dem Thema so aufgeklärt und besonnen begegnen! Du bist zum Glück nicht mehr der einzige Hetero-Mann (um mal von der Hete wegzukommen =) der so denkt! Es werden immer mehr.

    Aber auch die Schwulen sind betreffend Vorurteile nicht gerade Engelchen! Da diskriminiert der Bär ganz gerne mal die Muscle Marry und die Lederschwestern gackern über die Gummisusen. Der intellektuelle Avantgardist rümpft die Nase ob dem Damenwäscheträgenden Sklaven während der Skinheadlover sowieso auf alles pfeift.

    Viele Schwule sehen sich als die intellektuelle Elite der männlichen Menschheit und wissen sowieso alles besser als die “primitiven Heten” und naja, um ehrlich zu sein wimmelt es auch von superoberflächlichen, beziehungsgestörten und psychisch angeschlagenen Problemschwestern.

    Da haben also auch die warmen Brüder noch einiges an Entwicklungsarbeit vor sich.

    Aber am schönsten wäre schon, wenn die sexuelle Orientierung irgendwann den Stellenwert von z.B. der Augenfarbe oder des Geschlechtes hat. Nicht mehr und nicht weniger.

    PS Ein paar Posts zum Thema finden sich übrigens auch in meinem Blog! =)

  7. Pingback: kroetengruen.de » Blog Archive » Über Homos, Lesben, Heten und die Liebe ansich

  8. Schwule sehen sich als die intelektuelle Elite? Keine Ahnung!
    Ich habe die Erfahrung gemacht das es unter den Homos viele kreative und künstlerisch begabte Menschen gibt. Werde mich aber hüten zu sagen das alle Schwule so sind, ein Trend meine ich jedoch zu sehen.
    Was ich toll finde ist das man sich meistens mit Homos besser und ungezwungener unterhalten kann, gerade mit weiblichen Homos. Ich glaube weil kein unbewusstes Balzverhalten die Kommunikation stört. Das wollte ich noch gesagt haben…..

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  11. Toller Beitrag.

    Den sollten mal einige lesen die den ganzen Tag seit der Bundestagswahl auf dem Westerwelle rumhacken.

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