Ursache und Wirkung
Sicherlich – es ist, wie so oft, schockierend, was man derzeit in den Medien zum Amoklauf des Monats hört. Ich bin auch weit davon entfernt, das Thema verharmlosen oder seine Brisanz herunterspielen zu wollen. Was mich aber JEDES MAL stört, ist der Umgang der Medien mit dem Thema:
Schon während der Pressekonferenz nur wenige Stunden nach dem Drama in Winnenden konstruierte die Klatsch-Presse mal wieder ihr Standartbild eines Massenmörders und schickte sich an, klassische Klischees zu bedienen: Natürlich müsse der Täter Gewaltvideos konsumiert, Killerspiele geliebt und Heavy Metal-Musik gehört haben. Vielleicht sogar Gothik. Ist ja klar, dass man da irgendwann zum Gewalttäter wird. Oder?
Ich gestehe an dieser Stelle, über einen längeren Zeitraum selbst Ego-Shooter gespielt zu haben. Auch habe ich in meinem Leben diverse Spielfilme mit gewalttätigen Inhalten konsumiert. Und ich bin der “schwarzen” Musikkultur nicht abgeneigt. Komisch eigentlich, dass ich nie bewaffnet  die Klassenräume meiner Schule gestürmt habe…
Parallelen zwischen einzelnen, teils sogar die Normalität reflektierenden Gewohnheiten und abnormen Verhaltensweisen herzustellen, ist zwar absurd, aber leider immer noch gängig. Vorurteile verkaufen sich halt gut.
Die Majorität männlicher Jugendlicher dürfte im Laufe ihrer schulischen Laufbahn mehr oder weniger intensiv mit gewaltbeinhaltenden Medien in Kontakt gekommen sein. Sicherlich nicht nur einmal. Überraschenderweise schafft es ein Großteil von Ihnen trotzdem, Ihr Leben ohne regelmäßige Schläger- oder Schießereien zu gestalten. Die Wenigsten machen sich laut Statistik eines Mordes schuldig. Und obwohl nahezu jeder Jugendliche früher oder später eine Phase durchlebt, in der er schwarze Kleidung für das ultimative modische Konzept hält, budelt nur eine winzige Minderheit auf dem Friedhof Leichen aus, um sie zu schänden.
Ich behaupte: 99% aller männlichen pubertierenden Jugendlichen masturbieren. Fragt sich nur, warum die  Medien noch nicht auf den Trichter gekommen sind, dies  zu einem  eindeutigen Indiz für eine latente Triebstörung zu erklären.
Wie in so vielen Dingen macht die Gesellschaft es sich ziemlich einfach. Und bezahlt über die Jahre hinweg den Preis dafür, Tatsachen nicht ins Auge sehen zu wollen, sondern lieber fadenscheinige Ausreden vorzuschieben. Wobei das nicht weiter schlimm ist, lassen sich doch Wiederholungen immer wieder gut als Belege für zuvor aufgestellte Theorien heranziehen – egal wie absurd diese  seien mögen. Sich selbst erfüllende Prophezeiungen nennt man das. Ich frage mich, wie es interpretiert worden wäre, wenn der Täter statt eines schwarzen “Kampfanzuges” einen rosaroten getragen hätte. Wie? Es gibt keine rosa Kampfanzüge? Achso. Was aber, wenn  die Spurensicherung  auf seinem PC plötzlich die gesammelten Folgen von “Unsere kleine Farm” findet?
Ist es denn wirklich so schwer, einzugestehen, dass unsere Gesellschaft den Heranwachsenden zwar Großes abverlangt, Ihnen aber eine immer düstere Perspektive aufzeigt? Tacheles: Wie weit kommt man heutzutage mit einem Hauptschulabschluß? Bis Hartz 4. Ausnahmen bestätigen die Regel. Gerade letztens gelesen: Ausbildungsplatz zum Bäcker. Grundvoraussetzung: Abitur. Noch Fragen?
Der Leistungsdruck, mit dem sich unsere Jugend konfrontiert sieht, ist immens. Nicht nur, dass es gilt, bildungstechnische Ansprüche zu erfüllen, nebenher am Besten noch diverse, den Lebenslauf schmückende Praktika  zu absolvieren – nein, auch in seiner PeerGroup muß man sich adäquat präsentieren und positionieren, um nicht zum Aussenseiter zu werden. Natürlich kommt man hier mit Allerweltsklamotten nicht weiter – ohne Designerfummel und entsprechende Accesoires wird man gnadenlos geschnitten. Das ging schon während meiner Schulzeit los. Die Problematik der Finanzierung dieser Güter muss ich wohl nicht weiter ausführen.
Wer einem einfachen Handwerk nachgehen will, sich für etwas begeistern kann, bekommt schnell zu hören: “Das ist doch brotlose Kunst! Mach lieber was Anständiges!”. Und sicherlich: Vielleicht ließe sich beim Ausleben der eigenen Leidenschaft “nur” gutbürgerlich leben – vielleicht aber auch um Einiges glücklicher. Was ist falsch daran, die eigenen Prioritäten nicht unbedingt auf sein Bankkonto zu fixieren?
Unsere  Gesellschaft zeichnet abstruse Bilder von vermeintlichem Erfolg und Werten.  Das Soll wird über Reichtum definiert. Ein glücklich verheirateter Mensch mit Kindern ohne üppiges Eigenheim und Luxuskarosse vor der Tür  ist ein gesellschaftlicher Verlierer. Wer es nicht bis nach ganz oben schafft, oder zumindestens Erfolg darin hat, diesen Eindruck zu erwecken, hat das Ziel verfehlt. Zwischenmenschliches verkommt zur Nebensache.
Vielleicht wäre es besser, sich einfach mal mit den Problemen der  Heranwachsenden auseinanderzusetzen und  ihnen realistische Ziele zu geben, ihnen Werte zu vermitteln, als in Metalldetektoren zu investieren. Denn wie auch in der Medizin gilt: Symptome zu bekämpfen mag zwar kurzfristig helfen, beseitigt aber nicht die Ursache.

Amen.
(betrachten Sie es als uneingeschränkte Zustimmung
)
Also, dass EgoShooter auf den ein oder anderen einen Einfluss haben, das denke ich schon. Jeder ist unterschiedlich empfindlich für sowas, wird aber noch lange nicht zum Massenmörder dadurch. Bei meinem Cousin ist es z.B. wirklich so, dass man es ihm anmerkt ob er in der letzten Zeit viel gezockt oder mehr Fußball gespielt hat…. trotzdem läuft er nicht Amok….
In den Medien hieß es gestern “Auf dem PC von Tim K. wurden Pornobilder und Gewaltvideos gefunden. Dadurch kommt ein immer deutlicheres Täterbild zustande” oder irgendwie so….
Un jetzt mal Hand aufs Herz Jungs, welcher 17Jährige hat noch nie nen Porno gesehn -.-
Sowas kann ich ienfach nicht nachvollziehn… Ich bin jetzt 19, höre Punk, Rock und Metal und trage schwarze Pullis. Außerdem bin ich auch schon mit dem ein oder anderen Lehrer zusammengerauscht…. Aber das kann doch für die Polizei nicht ausschlaggebend sein….
Vielleicht lauf ich auch nur nicht Amok weil ichn Mädchen bin Oo
Naja, eigentlich wollte ich mich nur dem “Amen” anschließen =)
Ich finde es auch grausam, dass die Medien diesen Fall als Schubladenfall behandeln und den Täter uneingeschränkt als Täter benennen. Für mich ist und bleib der Junge ein Opfer und schade finde ich, dass ihm nach seiner Tat immernoch nicht zugehört wird, denn er hat seine Tat begründent angekündigt. Doch für fast alle ist er ein Mörder, ein grausamer Mörder. Dabei sind wir alle mehr an diesem Amoklauf Mittäter als er es allein gewesen ist. Wir dulden alles, wir geben das Denken an die Presse ab und in 2 Wochen kann sich kein Mensch mehr an den Jungen erinnern. Wir nehmen soziale Ungerechtigkeit in Kauf, wir lassen uns von jedem und allen in den A… treten und fügen uns uneingeschränkt unserer Gesellschaft.
Der Amoklauf hätte verhindert werden können, aber nicht mit Verboten für Killerspiele und Horrorfilme. Gebt endlich den Jungendlichen und auch uns Erwachsenen eine Perspektive und etwas mehr Seelenfrieden!
Ich stimme deinen Ausführungen vollkommend zu. Klasse Beitrag.
Statt trackback: http://charisma1.blog.de/2009/03/12/erschuettert-5745013/
Ich finde auch, dass es sich wieder viele einfach machen. Gestern Abend war ja wieder Talk bei Frau Illner im ZDF, vor allem, was der Waffenvertreter da erzählt hat, war ja teilweise unter aller Kanone, wortwörtlich. Die wollen, dass man schon mit 10 Jahren nen Luftdruckgewähr schießen darf.
Mich erinnert das alles an meine Abiphase! 2002 – Erfurt!
Hab mich mit meiner Mama darüber noch einmal unterhalten. Als wir (70 Abiturienten) damals geschlossen zum Direks sind um ihm mitzuteilen das einer aus unserem Jahrgang uns allen droht und das schon lange vor Erfurt hat uns keiner geglaubt. Erst als wir ihm den Eintrag fürs Abibuch zeigten wurde er aufmerksam und als dann noch besorgte Eltern von anderen Schulen anriefen und fragten was denn bei uns los sei hat er es verstanden. Aber was hat er getan? NIX! “Der Sohn einer Uniprofessors macht sowas nicht” bekamen wir zur Antwort. Na wenn er meint. Der Typ musste dann an einer anderen Schule sein Abi schreiben, aber das war in unseren Augen auhc nicht die Lösung des Problems. Es hat sich niemand mit ihm hingesetzt und mal mit ihm geredet warum denn das alles so ist. KEINER! Aber das hätte vllt. etwas gebracht.
Erfurt hat uns erschüttert und schwer gezeichnet. Und Winnende? Was wir in den Köpfen der Bevölkerung bleiben? Ich fand es am Mittwoch sehr heftig als ich lesen musste das die Presse ab Dienstag wieder am Gutenberg Gymnasium ist! Lasst doch die Erfurter in Ruhe!!!! Diejenigen die dort in diesem Jahr ihr Abi schreiben waren 2002 die Kleinsten und haben alles hautnah mitbekommen – warum müssen alte Wunden aufgerissen werden?
Meine Mama und ich sind zu dem Schluss gekommen – es kostet nicht viel Geld an jeder Schultür in Deutschland eine Gegensprechanlage mit Kamera einzurichten und einen Knauf von außen an der Tür anzubringen. Und die Sekretärin kann dann beim klingel reagieren und entscheiden ob sie jemanden rein lässt oder nicht. Dann kommen eben nur noch Leute rein die eine Einladung haben! Das ist billiger als der Polizeieinsatz und kann schon einigem vorbeugen! Aber so einfach kann Politik nicht denken – das kostet ja kein Geld und bringt keine Aufmerksamkeit! Man wie weltfremd sind die Sesselpupser eigentlich? Es wird Zeit das sich was dreht,besonders in den Köpfen von Verantwortlichen und damit meine ich nicht eine weitere Verschärfung vom Waffenrecht oder das Verbot von Egoshootern!
In diesem Fall gilt: Schweigen ist Silber – miteinander reden ist Gold!
Einen sehr interessanten Zusammenhang zwischen Egoshooter und Amok findet man bei Oldman: http://www.oldblog.de/?p=979